Hohn der Kirche

Kultur verboten, Religion erlaubt...

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Deutschland leidet unter den Einschränkungen der Coronavirus-Pandemie. Ganz Deutschland? Aber nein! Wer Fabelwesen und Märchenfiguren verehrt, darf dies weiterhin gemeinsam mit seinen Gesinnungsgenossen tun.
Deutschland leidet unter den Einschränkungen der Coronavirus-Pandemie. Ganz Deutschland? Aber nein! Wer Fabelwesen und Märchenfiguren verehrt, darf dies weiterhin gemeinsam mit seinen Gesinnungsgenossen tun.

[Ein Kommentar von Tobias Eichner, tobias@digitallifestyle.eu]

Europa ächzt unter der Coronavirus-Pandemie und so ergreifen die meisten Länder erneut drastische Maßnahmen, um die allzu schnelle Verbreitung von SARS-CoV2 zu stoppen und einen Zusammenbruch der Gesundheitssysteme zu vermeiden.

Unter den neuerlich angesetzten Einschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus leidet wieder einmal der bereits stark gebeutelte Kulturbetrieb am meisten:

Restaurants, Kneipen und Bars müssen schließen, Konzerte, Messen und andere Veranstaltungen werden reihenweise abgesagt. Kurzum: Die Lage ist dramatisch. Betroffene Künstler, Firmeninhaber und deren Mitarbeiter sehen sich oft am Rande des finanziellen Ruins – manche bereits darüber hinaus.

Nicht so der global agierende Konzern „christliche Kirche“. Selbige rechnet sich auf dem Papier zwar gerne arm, kommt jedoch in dieser Pandemie bislang gut weg: Schließlich bleiben Gottesdienste, eine nicht ganz unwichtige Einnahmequelle, weiterhin erlaubt.

Und das, obwohl gerade bei Gottesdiensten in der Vergangenheit Superspreader-Geschehen überdurchschnittlich häufig zu verzeichnen waren, trotz Hygienevorschriften. Aber der „Lockdown light“ schließt die gesellige Religionsausübung dank erfolgreicher Lobbypolitik nicht aus:

Zusammensitzen auf eng beieinander stehenden Holzbänken, gemeinsames Singen (Viruspartikel verbreiten sich nach gängiger Expertenmeinung dabei besonders gut), dem Zuhören von Orgel-, Gitarren- und Flötenspiel – alles anscheinend kein Problem, dank dem Segen der politisch Verantwortlichen.

Hier offenbart sich die ganze Absurdität und Willkür der angeordneten Maßnahmen: Ein Musiker darf kein Konzert geben, es sei denn, er tarnt seine musikalische Darbietung als religiöse Veranstaltung.

Stellt die Politik das Seelenheil religiöser Anhänger über das Grundrecht der Menschen auf Kunst und Kultur? Bedauerlicherweise scheint dem so zu sein.

Doch der eigentliche Gipfel der kirchlichen Überheblichkeit kommt erst noch: Einige Kirchen planen allen Ernstes Gottesdienste für (christliche) Kulturschaffende zu veranstalten, die sich dort „etwas für die Seele geben lassen“ dürfen!? (Zitat aus einer Ankündigung)

Was für ein Schlag ins Gesicht aller, die mit ausgeklügelten und teuren Hygienekonzepten versuchten, ihren Beitrag zu leisten, nur um nun erneut um ihre Existenz zu zittern.

„[…] etwas für die Seele geben lassen.“ – einmal abgesehen davon, dass Nicht-Christen von dieser edlen Spende wenig profitieren; religiöses Seelenheil zahlt weder Miete noch Krankenversicherung.

Es ist genau diese mildtätig herablassende Handlungsweise der Kirchen, dieser hinter gnädiger Barmherzigkeit versteckte Hohn, die so viele Menschen, Andersgläubige und Atheisten zurecht wütend machen.

Meine Forderung lautet: Kirchen sind wie alle anderen Veranstalter zu behandeln und müssen mit denselben Einschränkungen klar kommen. Oder haben endlich Eigenverantwortung zu zeigen, genauso wie es jeder maskentragende Bürger in diesen schwierigen Zeiten tut.

Wie wäre es, wenn die Kirche alle während des Lockdowns eingesammelten Spendengelder jeweils lokalen Künstlern, Gastronomen und anderen benachteiligten Branchen zukommen ließe?

Ach nein, geht ja nicht – die arme Kirche…


Datum der Veröffentlichung: 11. November 2020
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