Verkommene Netzkultur ?

Früher war das Web besser... oder einfach nur anders ?

Ist die ursprüngliche Idee des World Wide Web in Gefahr ?
Ist die ursprüngliche Idee des World Wide Web in Gefahr ?

[Ein Kommentar von Tobias Eichner, tobias@digitallifestyle.eu]

Ich hätte es nie für möglich gehalten, einmal selbst „Früher war alles besser“ zu sagen. Doch jetzt tue ich es und sogar mit der innigen Überzeugung, daß mir viele Leser zustimmen werden:

Früher war das World Wide Web ein besserer Ort – wertvolle Informationen zu den ausgefallensten Themen warteten an jeder Ecke, für alle Anliegen gab es Diskussionsforen mit kompetenten Teilnehmern. Kurzum: Man lebte eine Kultur des gegenseitigen Helfens. Jeder in seinem Fachgebiet.

Es war einmal…

Am Beginn meiner Karriere als Webdesigner und Softwareentwickler brachte ich mir vieles in Eigenregie bei. Fachbücher waren teuer, das Web zwar auch, dafür aber sehr nah und stets verfügbar.

In diversen Foren und Nutzergruppen lernte ich binnen Wochen, was mich das Studium der Wirtschaftsinformatik nicht in Monaten lehrte.

Natürlich war es klar, sich für diese Hilfe zu revanchieren. Bald gehörte ich nicht mehr selbst zu den Rookies, sondern konnte andere unterstützen. Zugegeben, das streichelte mein Ego. Aber das tollste daran: Fehler wurden korrigiert und erklärt. Es war eine Community. Heute ein überstrapaziertes Substantiv für eine unspezifische Nutzeransammlung im Web. Damals galt dies noch etwas.

Ich möchte die damalige Zeit sicher nicht glorifizieren. Idioten, die einen Computer bedienen können, gab es leider schon immer; aber die positiven Erfahrungen überwogen definitiv.

Vielleicht… nein bestimmt lag es auch daran, daß man selbst noch etwas auf dem Kasten haben musste, um überhaupt „ins Netz“ zu kommen. Dazu gehörte neben einem (nicht selbstverständlichen) Computer auch ein wenig fachliches Hintergrundwissen.


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Und natürlich Interesse an der Technik selbst. Denn das Internet – das war etwas, was man erst einmal erklären musste. Auch, warum man sich dort überhaupt rumtreiben sollte – im Alltag war das Web allenfalls bei Wissenschaftlern und Informatikern angekommen.

Andere kannten es nur vom Hörensagen und aus abstrus entstellten Berichten der Regenbogenpresse, die im Netz nur einen Tummelplatz von allerlei gesetzlosem Gesindel sahen.

Hauptsache Sex ?

Und heute ? Sex. Überall. Naja, immerhin etwas. Danach musste man früher zugegebenermaßen einige Zeit suchen, auch wenn viele Suchmaschinen freimütiger darüber Auskunft gaben. Nur traute sich noch niemand so recht, die bewussten Begriffe einzutippen (oder kannte sie). Anderes Thema.

Das Web hat zweifelsohne eine Menge bewegt. Ohne pathetisch klingen zu wollen, aber die Menschheit ist dank des Internets zusammengewachsen; unüberwindbar scheinende kulturelle Hürden lösen sich immer mehr auf. Ein neuer Humanismus ist im Entstehen.

Unternehmen – ob internationaler Konzern oder Hinterhofwerkstatt – profitieren von unserer vernetzten Informationsgesellschaft und können sich einfacher denn je neue Märkte und Kundengruppen erschließen.

Auch Freundschaften werden heute online geschlossen. Wer früher unerreichbar schien, ist im digitalen Zeitalter nur noch einen Mausklick weit entfernt. Ich möchte sogar soweit gehen, zu behaupten: Ohne Internet & Co. wäre unsere Gesellschaft nicht so fortschrittlich und weltoffen wie sie es heute in weiten Teilen ist.

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